Die Zukunft unserer Kirchengemeinde - ein persönliches Wort

Erstellt am 20.12.2018

Liebe Gemeinde!

In den letzten 10 Jahren ist die Anzahl der Evangelischen in Habinghorst um 10 Prozent zurückgegangen: von 3000 Gemeindegliedern auf 2700 (wie anderswo übrigens auch), und diese Tendenz hält an. Immer weniger Menschen nehmen am kirchlichen Leben und an den Gottesdiensten teil. In der Folge feiern wir an einem „normalen“ Sonntag in der Petrikirche, in der mühelos 400 Menschen Platz fänden, oft mit 40 Personen Gottesdienst, bei Taufgottesdiensten oder besonderen Gottesdiensten mit 80 bis 120 Personen. Gut gefüllt ist die Kirche in der Regel 2-3 mal im Jahr: Am Heiligen Abend, zur Konfirmation und eventuell noch einmal zu einem Jubiläumsfestgottesdienst.

Unsere Gebäude befinden sich in einem desolaten Zustand. Die Gutachten einer Architektin ergaben, dass zum Erhalt der Petrikirche 750 000 €, zum Erhalt des Gemeindehauses sogar 1 Million Euro investiert werden müssten.

Darf ein so wenig ausgelastetes Gebäude wie die Petrikirche für eine so gewaltige Summe saniert werden? Darf ein gut ausgelastetes Gemeindehaus für eine solche Summe saniert werden, wenn zeitgleich um uns herum kirchliche Gebäude existieren, die sich in einem guten Zustand befinden? Das Presbyterium stellte sich diesen Fragen unter der Berücksichtigung von mehreren Gesichtspunkten: Welche kirchlichen Angebote will und soll unsere Kirchengemeinde in Habinghorst machen? Was ist unerlässlich, weil es zu unserem Auftrag als Gemeinde Jesu Christi gehört? Was ist eher entbehrlich? Welche Art von Räumlichkeiten und in welcher Größe brauchen wir dazu? Und wo sollten sie sinnvollerweise stehen? Wie verteilen wir die immer geringer werdenden Finanzmittel in unserer Gemeinde? Welche Gebäude wollen und können wir uns überhaupt noch leisten?

Das Presbyterium sieht aufgrund dieser Situation nur einen verantwortungsvollen Weg, den wir in den letzten Monaten beschritten haben und den wir auf einer Informationsveranstaltung am 04. Oktober auch kommuniziert haben: Die Evangelische Kirchengemeinde Habinghorst und die Friedenskirchengemeinde Castrop-Rauxel werden sich zum 01.01.2020 vereinigen. So ist unser Plan. Dazu haben die Presbyterien beider Gemeinden eine Steuerungsgruppe gebildet, die sich 12 Monate lang getroffen hat und ihre Überlegungen dann in den jeweiligen Presbyterien zur Abstimmung gestellt hat. Beide Presbyterien haben sich in einem Tendenzbeschluss einstimmig dafür ausgesprochen, die beiden Gemeinden zu vereinigen. Gemeinsam wollen wir im Norden unserer Stadt als eine Gemeinde Jesus Christi unterwegs sein, unsere Kräfte bündeln und unserem Auftrag gerecht werden.

Dazu haben wir gemeinsam eine Gebäudekonzeption entwickelt: Das Zentrum der vereinigten Kirchengemeinde sollen Christuskirche und Lutherhaus (Gemeindehaus und Gemeindebüro) in Ickern sein. Weitere Standorte der vereinigten Kirchengemeinde werden für die nächsten zehn Jahre die Erlöserkirche in Henrichenburg und ein zu mietendes Ladenlokal auf der „Lange Straße“ in Habinghorst sein. In diesem Ladenlokal wird das von der Stadt mitfinanzierte Café Q für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen verortet. Ferner soll ein Begegnungsraum und ein Gottesdienstraum geschaffen werden. Neben niederschwelligen Angeboten für den Stadtteil sollen hier auch nicht mobile Gruppen einen Standort haben.

Wir werden die Petrikirche und das Gemeindehaus also aufgeben. Zurzeit suchen wir nach Vermarktungsmöglichkeiten. Die Vermarktung wird nach Angaben von Fachleuten einen Zeitraum von mehreren Jahren in Anspruch nehmen. Sobald wir eine belastbare Vermarktungsperspektive haben, werden wir den Umbau eines Ladenlokals auf der Langen Strasse beginnen und die Petrikirche und das Gemeindehaus an der Wartburgstrasse anschließend aufgeben.

Dem Presbyterium war es wichtig, einen attraktiven Standort unserer Kirche im Stadtteil Habinghorst zu schaffen. Hier wird vieles, auch neues möglich sein. Aber nicht mehr alles. Angebote wie der Kindergottesdienst, Kinderbibelwoche, Konfirmandenarbeit, besondere Gottesdienste werden künftig in zentral in Ickern oder Henrichenburg stattfinden. Die offene Kinder- und Jugendarbeit, die Kinderküche, die Sprachkurse, das Weltcafé, Frauenhilfe und Männerkreis werden dann im Ladenlokal stattfinden, ebenso wie Gottesdienste.

Damit gäbe es künftig drei Standorte in der neuen Gemeinde mit unterschiedlichem Profil, die eine profilierte Gemeindearbeit ermöglichen: Am Standort Ickern: eine klassische Kirche und ein Gemeindehaus; am Standort Habinghorst: ein Ladenlokal mit vielen Möglichkeiten mitten im Stadtteil – nah bei den Menschen; am Standort Henrichenburg: ein modernes Gemeindezentrum mit flexibler Bestuhlung.

Vielleicht fragen sie sich: Muss das sein? Darf ein so schönes, stadtbildprägendes und religiös bedeutsames Gebäude wie die Petrikirche aufgeben werden? Ist das nicht undenkbar? Unerhört? Wir mussten uns aber auch der Frage stellen: „Darf ein so wenig ausgelastetes Gebäude für eine solch ruinöse Summe saniert werden?“ Die Kirchengemeinde wird die Petrikirche nicht sanieren, denn sie kann es nicht. Sie wird sie als Gottesdienststätte aufgeben, weil eine solch große Kirche an diesem Standort weder gebraucht wird, noch insgesamt finanzierbar ist. Das ist allen, die damit beschäftigt waren, schwer gefallen. Mir persönlich auch. Es stimmt mich sehr traurig, in Zukunft auf die Nutzung dieser schönen Kirche zu verzichten. Die Erinnerungen an viele bewegende Momente in dieser Kirche mit vielfältigen Gottesdiensten und Veranstaltungen erfüllen (nicht nur) mich mit Wehmut. Und ich finde es außerdem bedrückend, dass an dieser Entscheidung so überdeutlich wird, welch große Veränderung sich im Stadtteil und in der Gesellschaft insgesamt seit dem Bau dieser Kirche vor 107 Jahren vollzogen hat. Damals ein aufstrebender Stadtteil und eine wachsende Kirchengemeinde – heute ein Viertel mit einem hohen Erneuerungsbedarf, vielen Ladenleerständen und einigen Problemen. Und in allem eine Kirchengemeinde, die immer kleiner wird und die teilhat am gesamtgesellschaftlichen Bedeutungsverlust der christlichen Kirchen. Dem wollen wir uns aber stellen. Mit den Mitteln, die wir haben. Wir haben ein zukunftsfähiges Konzept beschlossen! Nach und nach, Schritt für Schritt habe ich mich in den vergangenen Monaten dem Gedanken angenähert, dass Gemeindearbeit und Gottesdienste in unserer Kirchengemeinde in Zukunft ohne die Petrikirche und unser bisheriges Gemeindehaus auskommen werden müssen – und auch können! Denn ich weiß, wir haben auch andere schöne und funktionstüchtige Kirchen, die ich in den letzten Monaten kennen und schätzen gelernt habe; hier werden Taufen und Trauungen, Konfirmationen und Jubiläen gefeiert werden, und es wird schön sein! Ferner werden wir im Ladenlokal miteinander Gottesdienste feiern und überlegen, welches Gottesdienstformat dort sinnvoll und möglich ist. Und es wird schön sein!

Ich freue mich, dass viele aktiv Mitarbeitende genauso wie viele Jugendliche und wie ich selbst ganz selbstverständlich schon längst die Gemeindegrenzen überschreiten und das „Fremdeln“ abgelegt haben. So haben wir gemeinsam mit unserer Nachbargemeinde im Sommer 2018 ein großes Gemeindefest gefeiert, führten das Adventsdorf gemeinsam durch. Die Kindergottesteams arbeiten daran, ein gemeinsames Konzept zu entwerfen: So haben uns im November und Dezember die Kinderkirchen-Kinder und Mitarbeitenden aus Ickern/Henrichenburg besucht und im Februar heißt es: Kindermorgen goes to Kinderkirche. In der Konfirmandenarbeit arbeiten wir schon seit Mai 2018 zusammen und gestalten Blocktage und Freizeiten zusammen. Unser Gemeindebrief wird in 2019 gemeinsam erscheinen. Die Kindergärten sind gemeinsam unterwegs und gestalten zusammen Familiengottesdienste. Da ist schon viel gewachsen an der Überzeugung: „WIR sind EINE Gemeinde!“

So bin ich sehr zuversichtlich, dass der Verlust der Petrikirche nicht gleichbedeutend sein wird mit dem Verlust von „Heimat in der Kirchengemeinde“. Und vor allem bin ich gewiss, dass die Zusage Jesu Christi „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ nicht an ein bestimmtes Gebäude gebunden ist.

Ich hoffe, dass alle, die im Moment noch sehr traurig, vielleicht sogar erschüttert und wütend sind, dass die Petrikirche und das Gemeindehaus in den kommenden Jahren geschlossen werden, sich Zeit zum Trauern nehmen, zum Klagen und zum Erinnern und immer wieder zum Gespräch. Und ich hoffe, dass sie sich dann nach und nach trösten lassen durch die Erfahrungen, die sie an anderen kirchlichen Orten ihrer Gemeinde im Norden unserer Stadt machen können und machen werden.

Herzliche Grüße

Ihr Sven Teschner, Pfr.